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„Wir müssen jedes Jahr neu um die Gelder kämpfen“

Ein Gespräch über Anspruch und Realität in der Migrationsberatung

Die Migrationsberatung für erwachsene Eingewanderte der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Braunschweig ist nicht ganz leicht zu finden. In der zweiten Etage eines flachen, grauen Innenstadtgebäudes lädt Martin Stützer zum Gespräch, er leitet die Beratungsstelle. Sein Büro ist ebenso unscheinbar wie das Gebäude selbst, abgesehen von einigen Pokalen, die im Regal funkeln. Tischtennis ist seine Leidenschaft, verrät Stützer.

Herr Stützer, was ist der Auftrag Ihrer Beratungs-stelle und für wen ist sie da?

Unser Beratungsangebot richtet sich an Erwachsene ab 27 Jahren mit einem Aufenthaltstitel. Wir sind keine Anlaufstelle für Asylverfahren, sondern für Menschen, deren Bleibeperspektive gesichert ist. Dabei spielen Herkunft, Religion, Geschlecht oder die sexuelle Orientierung keine Rolle. Unsere Kernaufgabe ist eine strukturierte Begleitung der Integration, ein Informieren, ein Weiterleiten, ein Begleiten. Das Ganze soll zeitlich befristet sein. Mit meinen Worten und einem Augenzwinkern: Der beste Ratsuchende ist der, der nicht mehr kommt.

 

Mit welchen Anliegen und Problemen kommen die Ratsuchenden zu Ihnen?

Das hat sich über die Jahre gar nicht so sehr verändert. Die großen Themen sind sprachliche Förderung, Wohnungssuche und berufliche Integration. Natürlich spielt auch das Thema finanzielle Sicherung eine Rolle, außerdem die Freizeitgestaltung. Im Laufe der Jahre gibt es immer wieder Änderungen durch die unterschiedlichen Zuwanderergruppen. Ich denke beispielsweise an die seit 2014 aus dem arabischen Raum Geflüchteten, die bis heute noch mit den Fragestellungen zur Familienzusammenführung beschäftigt sind. Im Gegensatz dazu stehen die überwiegend weiblichen Geflüchteten aus der Ukraine, wo ein Familiennachzug fast nie möglich ist, weil die Männer nicht ausreisen dürfen.

Wie viele Beratungen führen Sie und Ihr Team durch?

Pro Jahr mehr als 1.000. Wir sind hier in unserer MBE, wie wir es abkürzen, insgesamt fünf Beraterinnen und Berater, aber mit nur 3,67 Planstellen.

 

Gibt es Fälle, in denen Sie den Betroffenen nicht helfen können?

Ja, es gibt Fälle, wo wir nicht helfen können. Aber so selbstbewusst bin ich dann zu sagen: Wir wissen immer, an wen wir verweisen können. Wir haben Kontakte zur Schuldnerberatung, zur Verbraucherberatung, zum Mieterschutzverein, zu Anwälten.

Viele Menschen kommen in emotionalen Extremsituationen zu Ihnen. Wie gehen Sie und im Team mit emotional belastenden Situationen um?

Der kollegiale Austausch ist sehr wichtig. Wir haben regelmäßig Team- und Fallbesprechungen, wo wir uns austauschen. Wir haben zweimal im Jahr ganztägig sogenannte Teamtage, wo wir uns mal rausziehen können und uns damit beschäftigen. Ansonsten ist es natürlich sehr individuell, wie resilient jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter ist und was jeder so mit nach Hause nimmt.

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung heißt es: „Die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte wird fortgeführt und auskömmlich finanziert.“ Reichen Ihre finanziellen und personalen Ressourcen, um die Nachfrage in Braunschweig zu bewältigen?

Wenn ich diesen Satz höre, „auskömmlich finanziert“, dann muss ich erstmal ein bisschen schmunzeln. Wir sind hier seit Jahrzehnten immer noch in einem befristeten Projekt. Wir müssen jedes Jahr neu beantragen, müssen jedes Jahr neu um die Gelder kämpfen. Also von auskömmlich kann keine Rede sein. Wenn ich diese fünf Personen, die hier bei uns arbeiten, mit Vollzeitstellen bestücken könnte, dann würde ich sagen, für unser Team wäre das eine angemessene und passende Ausstattung. Nein, ich halte die Finanzierung nicht für auskömmlich. Wir mussten schon ehrenamtliche Hilfsangebote ablehnen, weil im Alltag Zeit für die Begleitung und Einführung und Betreuung dieser Menschen fehlt.

Wo zeigt sich Ihrer Meinung nach der größte Reformbedarf mit Blick auf die Migrationsberatungsstellen?

Wir werden 2027 eine neue Richtlinie für die Migrationsberatungsstellen für erwachsene Zugewanderte bekommen. Die neue Richtlinie sieht eine Zuständigkeit nur noch für Menschen mit bis zu fünf Jahren Aufenthalt vor. Der Beratungsbedarf wird alleine an der Aufenthaltsdauer festgemacht. Wir stellen jedoch fest, dass ungefähr ein Drittel der Ratsuchenden, die zu uns kommen, diese Bedingung nicht erfüllt. Wir machen uns Gedanken, wohin können wir dann mit gutem Gewissen verweisen? Das ist ein Schritt zurück.

Die aktuelle Bundesregierung verfolgt eine verschärfte migrationspolitische Agenda im Vergleich mit der Vorgängerregierung: Abschiebungen werden forciert, die Turboeinbürgerung wurde gekippt und auch die politische Debatte hat sich gewandelt, Stichwort Stadtbild. Inwiefern macht sich das in den Beratungen bemerkbar?

Wir merken bei den Personen aus dem arabischen Raum, die seit 2014 gekommen sind, im Moment einen sehr großen Beratungsbedarf zum Thema Einbürgerung. Natürlich spielt da auch eine Rolle, dass jetzt die doppelte Staatsbürgerschaft möglich ist, wenn das Recht des Herkunftslandes es ermöglicht. Aber wir merken ganz klar die Sorge, dass über einen Kamm geschert wird, dass abgeschoben wird. Zum Thema Stadtbild haben wir auch Anfragen gehabt. Es gibt Sorgen und Ängste. Wer ist denn eigentlich damit gemeint, war so eine Frage. Wer wird da störend im Stadtbild wahrgenommen? Ist das abhängig von Hautfarbe, Kopftuch oder was spielt da eine Rolle? Das fragen sich dann auch hier arbeitende, gut integrierte Menschen.

Schwindet dadurch auch das Vertrauen in die Behörden und die Gesellschaft?

Ich glaube, die stärkste Sorge geht da in Richtung Politik und insbesondere, was könnten jetzt Wahlerfolge der AfD mit sich bringen? Wir haben ja dieses Jahr mehrere Landtagswahlen in Ostdeutschland.

 

Was wünschen Sie sich von den Medien im Umgang mit der Migration?

Differenzierung, Differenzierung, Differenzierung! Im Bereich der beruflichen Integration gibt es so viele gute Beispiele, die man darstellen kann. Das passiert teilweise, aber ich glaube, das könnte man noch stärker in den Fokus rücken, auch im Bereich des Ehrenamts. Die Presse ist sehr schnell mit den negativen Beispielen und die müssen auch dargestellt werden. Aber ich denke, es kann auch eine ausgewogene Berichterstattung erfolgen. Es gibt auch eine Menge gute Beispiele, über die es sich zu berichten lohnt.

Welche Rolle spielen zivilgesellschaftliche Träger wie die AWO in Zeiten politischer Polarisierung?

Wir sehen uns hier sehr als Einrichtung zur Förderung der Demokratie. Bei uns kommen täglich Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen zusammen und sei es nur im Wartezimmer. Wir haben ergänzende Sprachkurse, sogenannte Frauenkurse, wo Zuwandererinnen aus aller Welt teilnehmen. Ich finde, im Kleinen leisten wir da schon einen sehr wichtigen Beitrag zur Demokratieförderung und auch für das friedliche Miteinander.

 

Ist Braunschweig gut aufgestellt, was Beratung, Integration und Teilhabe angeht?

Wir sind ein wenig überrascht, dass es in Braunschweig seit kurzer Zeit drei neue, vom Land Niedersachsen geförderte Einrichtungen gibt. Unsere Einrichtung ist bundesgefördert. Es gibt ergänzend vom Land Niedersachsen die sogenannte „Richtlinie Integration“, mit der Einrichtungen gefördert werden und das ist gut so. Auch den Einrichtungen, die erstmals entsprechend gefördert werden, bieten wir Kooperation an. Die dortigen Kolleginnen sind Einzelkämpferinnen und können bestimmt vom Erfahrungsschatz der erfahrenen Kolleginnen der langjährig bewährten Träger profitieren. Ich wünsche mir generell, dass es nicht so eine Verstückelung von Förderungen gibt.

Eine letzte Frage: Was ist Ihr persönlicher Wunsch für 2026?

Ich würde mir natürlich wünschen, dass endlich dieser Krieg in der Ukraine beendet wird. Aber natürlich kann man da auch noch viele andere Kriegsherde auf der Welt nennen. Für Deutschland wünsche ich mir, dass rechtsextremistische Parteien in keinem Bundesland, wo in diesem Jahr Wahlen anstehen, ein Ergebnis erreichen, die sie in die Regierungsverantwortung bringt. Wenn wir an die deutsche Geschichte zurückdenken, was in diesem Land passiert ist, dann ist es doch erschreckend, dass ich mir solche Sorgen und Gedanken mache.

Info: Dieses Interview führte Falk Sonnenberg, Studierender im Masterstudiengang Sozialwissenschaften an der Technischen Universität Braunschweig.

Martin Stützer AWO Migrationsberatung
Martin Stützer, Leiter der AWO-Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte